Über Grenzen – ein Workshop-Bericht

Drei Tage waren wir, eine Gruppe von 10 Studierenden des HyperWerks Basel, für den zweiten Teil unseres Workshops Über Grenzen in Freiburg. Auf dem Programm standen Körperübungen im Raum, eine von Graham Smith geführte Velotour durch die verschiedene Quartiere in Freiburg, um die Ausgangslage für die Dietenbacher Festspiele zu verstehen, Übungen im öffentlichen Raum und Gespräche untereinander aber auch mit Anwohner_innen über Quartiere, Städte und Grenzen. Unser Ziel: Eine Aktion/Intervention für die Dietenbacher Festspiele zu planen.

 

Graham Smith begrüsst uns mit einem „Grüezi mitenand!“ am Künstlereingang vom Theater Freiburg und führt uns in die Cafeteria. Gemeinsam mit Caroline Brendel, der Dramaturgin, Svenja und Jannika und anhand einer kleinen Karte erzählt er uns von den verschiedenen Quartieren in Freiburg, der Frage nach der Nutzung rund um das Areal Dietenbach und schliesslich auch von den kommenden Festspielen.

Oben im Ballettsaal – Graham korrigiert sich gleich selbst: «im Tanzsaal» – geht es um Raum- und Körperbewusstsein, um Präsenz. Wir gehen durch den Raum. Wenn jemand stehen bleibt, bleiben wir alle stehen. Wenn jemand beginnt zu gehen, gehen wir alle. Wir tun dies entschlossen, markant. Wie stehen die Personen im Raum? Wie stehen wir zueinander? Welche Linien lassen sich ziehen?

Bei einer weiteren Übung beginnt jemand mit einer Pose im Raum. Bestimmt nimmt er oder sie diese ein. Jemand zweites stellt sich dazu, verändert damit das Bild. So stellt sich immer wieder jemand neu dazu, erzählt damit eine neue Geschichte. Jemand anderes verlässt seine Position und wird wieder zum Betrachter.

Nach dem Mittagessen steigen wir auf unsere ausgeliehenen Fahrräder und starten die Tour durch Haslach, Weingarten, Rieselfeld und die Äcker von Dietenbach – dem zukünftigen Quartier. Wir wissen bald nicht mehr, in welcher Himmelsrichtung das Theater liegt. Aber das, was Graham heute Morgen in der Cafeteria erzählt hat, sehen wir jetzt selbst.

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Haslach erinnert an ein Dorf. Wir überqueren einen Bach, fahren an Kirschbäumen, grossen Vorgärten und einer Boule-Anlage, die als Treffpunkt von hauptsächlich Migrant_Innen als Vorzeigeprojekt der Stadt fungiert, vorbei. Die Bahnlinie und eine Schallwand davor trennen Haslach von Weingarten. Hier gibt es Hochhäuser und Ein- bis Mehrfamilienhäuser mit kleineren, weniger lauschigen Vorgärten. Wir überqueren den Pausenhof einer Schule, an eine Mauer ist „WGG“ und „Weingarten Ghetto“ gesprayt. Wir kurven durch das Quartier, treffen auf Quartiertreffpunkte, kirchliche Zentren, Gemeinschaftsgärten. Weingarten endet an einer breiten Strasse, dahinter beginnt Rieselfeld. Grosse Häuser, besonders energieeffizient, erzählt Graham. Die Waldorfschule. Beim Glashaus machen wir kurz Halt: Hier drin ist die Rieselfeldzentrale. Auf dem grossen gläsernen Haus auf dem weiten Platz steht gross «Kultur» geschrieben. Das Glashaus ist administrative wie soziale Anlaufstelle, Stadtteilbüro, Café, Kinder- und Jugendmediothek, Kunst- und Sportzentrum.

Jetzt geht’s in Richtung Dietenbachpark. Dazu fahren wir aber zuerst nochmal durch Weingarten und treffen auf einen Skatepark, den wir sofort mit den Fahrrädern in Beschlag nehmen. Nach einem ersten und einzigen kleinen Umfall fahren wir weiter in den gemütlich schönen Dietenbach-Park. „Dort hinten werden an den Festspielen die zwei Jurten stehen, dort die Holzbühne, da das Zelt“, erklärt Graham. Wir können es uns vorstellen. Wir fahren weiter, und plötzlich sind wir raus aus der Stadt, wobei immer noch in Freiburg. Wir stehen zwischen den Ackerfeldern, die ab 2018 mit dem neuen Quartier Dietenbach bebaut werden sollen. Vor einem Maisfeld hängt ein Banner: „Stopp Finanzloch Neubau Dietenbach”.

Zurück in der Innenstadt bleibt eine immer wieder sehr begrünte Stadt mit unglaublich sichtbaren Grenzen zwischen den Stadtteilen in Erinnerung.

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Am Mittwoch starten wir körperlich in den Tag. Wir stehen im Tanzsaal verteilt. Eine Person schaut ins Publikum, die anderen richten ihren Blick auf diese Person an. Sie geht einige Schritte, entscheidet sich, wie lange, wo, wie, warum. Dabei bleibt ihr Blick immer beim Publikum, unserer immer an ihr hängen. Nach ihrem Zug schaut sie jemandem von uns in die Augen und diese nächste Person wird zum Akteur.

Wir nehmen nun die Tram nach Weingarten. Graham zeigt uns das Stadtteilbüro, wo die Dietenbacher Festspiele mitgeplant werden. Tobias, der dort angestellt ist, erzählt vom Alltag in der Quartierarbeit.

Wir lassen unsere Sachen dort und gehen jetzt aktiv in den öffentlichen Raum. Das Stadtteilbüro befindet sich in einem offenen Einkaufszentrum, eine Art Innenhof, einem Ring aus Geschäften. Wir verlassen diesen Innenhof und stellen uns auf eine Wiese nebenan. Wir verteilen uns, stellen uns präsent hin. Bleiben stehen, für einige Minuten. Dann, jeder und jede für sich und unabhängig von den andern, gehen wir einige Schritte, stellen uns wieder hin. So gestalten wir den Raum mit unserem Dasein, nehmen Platz ein. Und weil wir uns selbst so bewusst bewegen oder eben nicht bewegen, nehmen wir auch ganz aktiv wahr. Der ältere Herr, der seinen Rollator energisch über die kleinen Äste schiebt, stehen bleibt und uns bemerkt, wie wir da stehen. Das runde, unglaublich türkisfarbene Bassin, das ohne Wasser leuchtet. Die drei Jugendlichen, die bemerken: “Die dürfen sich nicht bewegen!”.

Nach vierzig Minuten haben wir uns zurück zum Stadtteilbüro bewegt, wo wir unsere Eindrücke festhalten. Graham verabschiedet sich jetzt, wir werden den letzten Workshop-Tag ohne ihn verbringen. Nach einem späten Mittagessen machen wir uns in Rieselfeld mit Fragen auf die Suche nach Wünschen an ein Zusammenleben: Was tust du, obwohl du deine Zeit lieber anders nutzen würdest? Womit würdest du sie lieber verbringen? Welche persönlichen Grenzen würdest du für diesen Wunsch einreissen? Wie sieht die Stadt, wie sieht das Quartier aus, in dem du gerne leben würdest?

Aus den Antworten lässt sich keine Statistik erstellen, dafür kommen wir ins Gespräch mit Menschen, die in Rieselfeld wohnen. Mit der älteren Dame, die eigentlich ganz zufrieden ist mit ihrem Quartier – solange sie mit ihrem Hund spazieren gehen kann. Dem elfjährigen Jungen, der bei einem neuen Quartier einen Bauernhof und eine Fabrik für Elektroautos mitplanen würde. Oder dem Mann Mitte dreissig, der froh ist, dass Rieselfeld mit dem öffentlichen Verkehr gut an die Innenstadt angebunden ist.

An diesem Abend kochen und essen wir gemeinsam in der ‘Susi’. Einer grossen Genossenschaft im Quartier Vauban.

Am Donnerstag, unserem letzten Workshoptag, flechten wir das Gesehene, Erlebte, Überlegte, Gezeichnete zusammen. Wir wollen unseren Ideen eine Form geben und entscheiden uns für eine Ausarbeitung der Swiss Army of Love & Peace. Wir entwerfen ein erstes Narrativ, diskutieren über mögliche Aktionen an den Festspielen, träumen von Zelten und schönen Uniformen. Gemeinsam mit Caroline Brendel besprechen wir konkrete und realistische Umsetzungsmöglichkeiten und planen daraufhin das weitere Vorgehen.

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Am Ende des Workshops steht ein letzter Besuch in Weingarten an. Für ein Umsetzen und Ausprobieren unserer Ideen reicht die Zeit nicht mehr – dafür für das obligatorische Gruppenfoto. Wir machen uns auf den Heimweg, über die Grenze, zurück in die Schweiz. Wir freuen uns bereits auf den Spezialeinsatz DF17-5B der Swiss Army of Love & Peace an den Dietenbacher Festspielen.