Standpunkt: “Für mich bedeutet Nachbarschaft, dass man sich wahrnimmt.”

“Standpunkt” ist ein doppeldeutiger Begriff – er verweist auf einen lokalen Standort und gleichzeitig auf eine persönliche Meinung. Wenn es um Nachbarschaft geht, so fallen diese beiden Bedeutungen des Wortes Standort oft zusammen – je nachdem, wo jemand wohnt, hat jemand vielleicht einen anderen Standpunkt, den er vertritt.

Wir haben uns gefragt: Welche Standpunkte vertreten die Menschen, die wir auf den öffentlichen Räumen von Rieselfeld und Weingarten antreffen? Was bedeutet Zusammenleben für sie und was sind ihre Gedanken im Hinblick auf die neue Nachbarschaft, die zwischen Weingarten und Rieselfeld entstehen wird?
In Zitat-Ausschnitten geben wir kurze Einblicke in unsere Gespräche. 

Jan Pfister und Yajwinder Saini sind beide Familienväter, die  in Rieselfeld wohnen und sich über die Kinder kennen gelernt haben. Sie sprechen mit uns über Nachbarschaft, den neuen Stadtteil Dietenbach und Stadtpolitik:

Jan: “Dietenbach… ist ja sehr kontrovers…es gibt verschiedene Interessen, wie man die Fläche nutzt. Ich habe in den letzten Jahren die Freifläche sehr genoßen, diese Weite, man kann da sehr gut Drachen steigen lassen. Das wird dann nicht mehr möglich sein. Aber die Notwendigkeit, Wohnraum zu schaffen, ist so groß. Die Tendenz ist, dass gerade Familien oder nicht Großverdiener-Familien Freiburg verlassen; die müssen Freiburg verlassen. Das ist die Realität.”

Jan: “Es wurde halt viel verpasst. Deswegen sehe ich diesen Stadtteil Dietenbach als eine Reaktion auf diese Notwendigkeit. Man kann und will nicht endlos in die Höhe bauen, dieses Nachverdichten was die Stadt macht. Der Nutzungskonflikt um das Land ist da – der ist überall da.”

Jan: “Wo findet man einen gemeinsamen Nenner. Oder einen Kompromiss? Solche Prozesse laufen bei uns sehr langsam, mit Beteiligung. Es gibt verschiedene Gruppen, die ihre Positionen vertreten. Es ist alles möglich in einer Demokratie. Hier sagt keiner, wenn du morgen nicht weg bist kommen die Bulldozer. Aber so läuft es in anderen Regionen.”

Yajwinder: “Die Freiburger Region ist sehr beliebt…Ich denke man muss eine Misch-Lösung finden. Wir brauchen auch Wohnungen für Familien. Je mehr junge Familien hier wohnen, desto besser für die Wirtschaft. Wir können alle davon profitieren, dass wir hier Arbeit haben. Sonst müssen Familien ins Umland ziehen. Wir sind genauso davon betroffen. Wir haben zwei Kinder und für uns wird es finanziell schwierig, wenn wir in eine andere Wohnung wollen.”

IMG_7875Yajwinder Saini

Jan: “Was für mich noch nicht so ganz klar ist bei dem Projekt ist, für wen wird es gebaut? Da kommen ja gleich die Investoren und Immobilienunternehmen und reißen sich dann gleich Sachen unter den Nagel. Da stehen halt auch Gewinninteressen im Vordergrund. Ob es bezahlbarer Wohnraum wird, ist für mich nicht klar. Und wenn es heißt, dass so und so viel gefördert wird oder Sozialbauten entstehen, dann heißt das vielleicht, dass das für 10 Jahre oder 30 Jahre gilt. Und dann? Dann ist es vorbei!”

Yajwinder: “Hier in Rieselfeld lernen sich viele kennen übers Rathaus oder die Bibliothek. Das ist wirklich Nachbarschaft. Nicht nur wo man direkt wohnt  – da gibts ja manchmal auch Stress mit den Nachbarn weil die Kinder so laut sind…”

Jan: “Ich muss sagen, so wie das alles immer dargestellt wird, von wegen Rieselfeld ist das Vorzeigestadtviertel, was Quartiersarbeit und Nachbarschaft betrifft – ich muss sagen, es gibt schon auch Leute, die den anderen nicht so wahrnehmen. Egal ob sie Kinder haben oder nicht. Für mich bedeutet Nachbarschaft, dass man sich wahrnimmt und sich begrüßt. Wenn die Kinder zusammen spielen, dass man dann auch den Eltern einen Blick schenken kann.”

IMG_7880Jan Pfister und Yajwinder Saini mit seinem Sohn in Rieselfeld auf dem Wochenmarkt

Interview: Sascia Bailer
Fotos: Katja Stepputat