Standpunkt: “Das Einzige, was ich mir wünsche ist, dass die Menschen ihre Konflikte friedlich lösen”

“Standpunkt” ist ein doppeldeutiger Begriff – er verweist auf einen lokalen Standort und gleichzeitig auf eine persönliche Meinung. Wenn es um Nachbarschaft geht, so fallen diese beiden Bedeutungen des Wortes Standort oft zusammen – je nachdem, wo jemand wohnt, hat er vielleicht einen anderen Standpunkt, den er vertritt.

Wir haben uns gefragt: Welche Standpunkte vertreten die Menschen, die wir auf den öffentlichen Räumen von Rieselfeld und Weingarten antreffen? Was bedeutet Zusammenleben für sie und was sind ihre Gedanken im Hinblick auf die neue Nachbarschaft, die zwischen Weingarten und Rieselfeld entstehen wird?
In Zitat-Ausschnitten geben wir kurze Einblicke in unsere Gespräche. 

Der Architekt Frank Zamboni wohnt seit 6 Jahren in Weingarten, ganz oben in einem Hochhaus, von dessen Terrasse er den Dietenbachpark überblicken kann.

“Es hat 135 Wohnungen. Es gibt viele Alleinstehende, vor allem alte Frauen. Die meisten sind Einpersonen-Haushalte. Das Haus ist jetzt 50 Jahre alt und wurde dann saniert. Da sind dann aus großen Wohnungen kleine gemacht worden. Die Leute, die früher eingezogen sind, waren junge Familien — die Kinder sind ausm Haus, die Männer aufm Friedhof. Und die Frauen sind über. Die können dann in einer kleineren, moderneren Wohnung wohnen bleiben; der Preis ist der gleiche. Im Haus nebenan ist es familiengerechter.”

“Ich sag guten Tag. Es gibt unten fürsorgliche Belagerung durch die Pfarrei, durch die Quatiersarbeit, Nachbarschaftstreff. Es gibt so einen harten Kern im Haus und die treffen sich da.”

“Wie ich ein junger Kerl war, hab ich in Kreuzberg gewohnt. Da war es mehr üblich, beim Nachbarn zu klingen und nach 20 Mark zu fragen. Ich glaube, so ist es hier nicht. Damals waren wir alle jung und hatten kein Geld – dass es jetzt Druck gibt, sich helfen zu müssen, weil alle so arm sind, dass gibt es hier heute auch nicht.”

“Was immer wieder gesagt wird, dass es hier den Wahnsinnszusammenhalt gibt – das kann ich so nicht behaupten.”

“Die Gesellschaften, die ganz arm sind, die halten zusammen. Sobald es allen besser geht, bricht das auseinander. Es ist ja auch immer ein zwei-schneidiges Schwert.”

“Das Einzige, was ich mir wünsche ist, dass die Menschen ihre Konflikte friedlich lösen.”

“Es kann alles so bleiben wie es ist. Es ist alles ok.”

Interview: Sascia Bailer
Fotos: Lukas von Petersdorff-Campen